Expositions

Nationale Minderheiten auf dem Präsentierteller

„So stigmatisiert man Bretonen und Iren als Menschen, die den ‚Wilden‘ näherstehen als den ‚Zivilisierten‘.“

Sandrine Lemaire (2011)

Manche der zur Schau gestellten Volksgruppen sind den Besuchern nicht gar so fremd. Sie kommen nicht aus Übersee, sondern sozusagen aus der Nachbarschaft.Viele Staaten stellen ihre nationalen Minderheiten zur Schau.Schon lange bevor Buffalo Bills Wilder Westen Europa erreicht, werden in den USA und in Kanada Indianer-Shows veranstaltet. Auch in Europa bezieht man die „Wilden“ nicht immer aus exotischen Gegenden. Im Jahr 1874 präsentiert Carl Hagenbeck in Hamburg eine lappländische Familie gemeinsam mit etwa dreißig Rentieren.Im Jahr 1908 steht bei der Franco-British exhibition in London ein irisches Dorf neben einem senegalesischen Dorf, und bei der Ausstellung von Nantes 1910 kann das interessierte Publikum neben einem „Schwarzen Dorf » auch ein „bretonisches Dorf“ besichtigen.Die Franzosen sehen sich gern „Flämische Dörfer“ und „Alpendörfer“ an, die Deutschen „Elsässische Dörfer“ und „Böhmische Dörfer“, die Schweizer „Schweizer Dörfer“, die Engländer „Schottische Dörfer“ und die Russen „Tscherkessische Dörfer“ und „Kaukasische Dörfer“.

Man stellt die regionalen Minderheiten Europas nicht auf dieselbe Stufe wie die „Wilden“ aus Übersee. Vielmehr beschreibt man vor dem Hintergrund des einheitlichen kulturellen Schemas, das die jungen Nationen für sich in Anspruch nehmen, regionale Besonderheiten als archaische Spuren.Dies gilt auch für Japan, wo Ureinwohner japanischer Inseln ausgestellt werden. Die als unterlegen und zurückgeblieben beschriebenen Volksgruppen werden zu potentiellen Zielen „zivilisatorischer Bestrebungen“.Die Schaustellung der als „Kannibalen“ präsentierten Koreaner bei der Ausstellung in Ôsaka (1903) ist zugleich Rechtfertigung und Vorbereitung der Eroberung Koreas durch Japan im Jahr 1910.Bei Menschenschauen sind nationale, koloniale, wissenschaftliche und politische Zielsetzungen eng miteinander verflochten.

 

Der „Anthropologische Pavillon“ in Ôsaka (1903)

Bei der 5. Nationalen Gewerbeausstellung in Ôsaka (1903) stellt Japan erstmals Ureinwohner aus Kolonialgebieten zur Schau. Mehr als vier Millionen Besucher strömen herbei. Im „Anthropologischen Pavillon“ sind etwa 30 Menschen ausgestellt, darunter Ainu von der Insel Hokkaidō, die nach 1850 von Japanern besiedelt wurde, und Ureinwohner von der Insel Taiwan, die China 1895 an Japan abtreten musste. Der chinesische Botschafter sowie Besucher aus Korea und Okinawa protestieren heftig dagegen, dass ihre Landsleute mit „echten Wilden“ zur Schau gestellt werden.

 


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