Expositions

„Menschenzoos“ im Kreuzfeuer der Kritik

„Wann […] werden die modernen Anthropologen und Philosophen […] endlich damit aufhören, Studien zu verfassen, die nichts anderes sind als Verleumdungen unterdrückter Rassen?“

Africanus Horton, Politiker und Intellektueller aus Sierra Leone (1868)

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts üben europäische und amerikanische Missionare und Geistliche immer wieder Kritik an Menschenschauen. Vertreter der Anti-Sklaverei-Bewegung protestieren heftig gegen die Schaustellung der „Hottentottischen Venus“. Die African Institution – eine Vereinigung, die gegen Sklaverei und für eine Entwicklung des afrikanischen Kontinents eintritt – spricht von „schändlicher Ausbeutung“ und strengt einen Prozess gegen Sarah Baartmans Impresario an. Auch gegen die Schaustellung der Inuit im Hamburger und im Berliner Zoo regt sich Widerstand. Es verstoße gegen jeglichen Anstand, schreibt die Magdeburger Zeitung am 21. Oktober 1880, „unseres Gleichen in Thiergärten sehen zu lassen“. In Frankreich sprechen sich die beiden Schriftsteller Louis-Joseph Barot und Léon Werth gegen Menschenschauen aus, da sie nur „grobe Karikaturen“ und „Maskeraden“ darstellten. Auch die zur Schau Gestellten empören sich. So verlassen bei der Schweizer Nationalausstellung in Genf 1896 die Afrikaner unter Protest das „Schwarze Dorf“. 1930 entrüstet sich die afro-amerikanische Intellektuelle Paulette Nardal über die Schaustellung von „Negerinnen mit Lippenscheibe“ im Pariser Zoo. Afrikanische Intellektuelle protestieren gegen die Inszenierung dieses irreführenden Afrikabildes, das „den Gaffern so lieb“ ist. Auch an den Menschenschauen bei den British Empire Exhibitions in Wembley (1924-1925) und Glasgow (1938) sowie bei der Weltausstellung von Chicago 1933 wird Kritik geübt. In Frankreich organisieren die kommunistische Partei und die Surrealisten 1931 als Gegenprogramm zur Pariser Weltausstellung eine „anti-imperialistische Schau“. Im Gegensatz zur Weltausstellung ist hier der Publikumsandrang allerdings sehr bescheiden. Protest gibt es auch gegen die skandalöse Schaustellung der als „Kannibalen“ präsentierten Kanaken im Pariser Zoo. Weltweit treffen Menschenschauen in diesen Jahren also auf immer heftigere Kritik. Eine Ausnahme bildet offenbar nur die Schweiz.

 

Sonderfall Schweiz

In Europa kommen Völkerschauen ab den 1930er-Jahren aus der Mode, doch in der Schweiz besteht die Tradition noch drei Jahrzehnte lang fort. Überall werden Menschenschauen veranstaltet: im zentral gelegenen Grand Théâtre in Neuchâtel, auf geeigneten Arealen in Städten und Dörfern (Lausanne, Genf, Zürich, La Chaux-de-Fonds, usw.), auch im Basler Zoo. Bis Ende der 1960er-Jahre erfreuen sich diese Schauen großer Beliebtheit unter dem Publikum.


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